Die Zeit fliegt wieder einmal. schon ein halbes Jahr ist herum und irgendwie sehen wir keinen Fortschritt. Oder doch ... positiv denken ... es wird schon werden. Das halbe Jahr war nur der Anlauf und nun passieren all die großartigen Dinge ... Ich drehe mich und sehe überall die Baustellen um mich herum und bin wie gelähmt. Wo soll ich anfangen?
Für meine Entscheidungsfindung ist es immer gut, wenn ich mich ablenke, etwas gänzlich anderes mache und dann kommt der Gedanke, was ich tun will, fast von alleine. Deshalb fuhren wir in den Berggarten. Denn dort passieren großartige Dinge. Nein, nicht die Erneuerung der Wege, die uns zwingt, im Garten große Umwege zu laufen. Nein, nicht der endlose Bau des neuen Gewächshauses, jetzt angekündigte Fertigstellung in zwei Jahren, also 2028. Nein.
Eine Pflanze im mittleren Gewächshaus schickte sich an zu blühen. Die Titanwurz. Eine riesige Blüte und nur manchmal mehr als eine und nur alle zig Jahre. Von den Herrenhäuser Gärten kamen per Social Media Updates zum Zustand der Pflanze. Ein Liveticker sozusagen, für mich Social Media-Verweigerin durch die Familienjugend weitergeleitet.
Titanwurze sind nur ein Vertreter der Gattung Amorphophallus (die wiederum zu den Aronstabgewächsen gehört), rund 200 Arten wachsen in den Tropen unserer Erde. 20 Arten kultiviert der Berggarten, allen gemein ist der Kolben (Spadix) in der Blüte, der lateinische Namensgeber. So richtig groß wird nur die Titanwurz. Damit sie sich wohlfühlt hat das Gewächshaus an die 30 Grad Celsius Lufttemperatur und eine Luftfeuchte von bis 90 Prozent.
Entdeckt wurde die Art 1878 im Dschungel Sumatras, 1889 blühte die erste Titanwurz in Kew Gardens. Titanwurze im Berggarten haben bereits 2014 und 2021 geblüht, irgendwo in Deutschlands botanischen Gärten blüht jedes Jahr eine Pflanze, die Gärtner wissen inzwischen, was sie für Bedingungen dafür schaffen müssen. Es ist trotzdem ein Spektakel.
Wir kamen einen halben Tag zu früh. Der Kolben hatte sich schon hoch in die Höhe geschoben (2,19 Meter), das Hochblatt (Spatha) umhüllte ihn, begann aber bereits langsam sich zu lösen. Die Luft war wie eine heiße Wand, die Linsen in Kamera und Smartphone beschlugen innert Sekunden. Schnell wieder hinaus. Wir bummelten durch den Berggarten und fuhren hungrig zum Mittagessen.
Dadurch verpassten wir, wie sich am Nachmittag der Kolben in Intervallen auf 36 Grad erhitzte, das nennt sich Thermogenese, die Pflanze wandelt die in der Knolle gespeicherte Stärke und Fette in Wärme um. Durch den Kamineffekt strömte der Geruch nach Aas durch das Gewächshaus. In der Natur lockt die Pflanze damit Insekten an, die Pflanzen stehen vereinzelt im Tropenwald, der Geruch reicht kilometerweit und die Hoffnung ist, dass irgendwo ein Insekt mit dem Pollen einer anderen Titanwurz losfliegt und bestäubt.
Die vielen kleinen Einzelblüten (männliche und weibliche) sitzen wie eine mehrreihige Perlenkette am Grund des Kolbens und werden erreichbar, wenn das Hochblatt sich öffnet und wie ein Kragen um den Kolben steht. Es verhindert auch, dass die Insekten zu schnell wieder wegfliegen können. Das geschieht erst am zweiten Tag, wenn das Verwelken beginnt. Dann sind die Stärke-Depots in der Knolle erschöpft und es riecht auch nicht mehr.
Wurden Blüten bestäubt entwickeln sich daraus rote Beeren, die Samen im Inneren. Im Gewächshaus übernehmen Gärtner das Bestäuben. 2014 waren es Pollen einer Pflanze aus Kiel, die die jetzt blühende Titanwurz entstehen ließen.

Aus den Samen entwickelt sich eine Knolle. Sie schiebt ein Blatt heraus, das aussieht wie ein dicker Stamm mit einer Astkrone, es imitiert sogar eine Rinde, aber es ist nur ein Blatt. Hinter der blühenden Titanwurz steht so eine Jungpflanze. Das Blatt kann bis zu 4 Meter hoch werden. Dann welkt das Blatt, die Knolle ruht, dann entsteht wieder ein Blatt, es welkt, ein neues Blatt ... das geht einige Jahre so weiter, in denen die Knolle Kraft für die Blüte speichert. Und dann kommt sie irgendwann, die große Blüte.